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Gedanken über Vollblüter
Text von Kerstin Aronis und Maren Engelhardt
Der Schrei nach Blut ist verbandsübergreifend und es gibt wohl niemanden, der nicht die Schlagwörter "Blut ist der Saft der Wunder schafft" etc. kennt und auch anbringt. Um sich der Bedeutung des Vollbluteinsatzes in der heutigen Warmblutzucht klar zu werden und auch zu artikulieren, reicht Veredlung im Sinne von Härte und trockenem Fundament nicht aus. Man sollte sich erstmal bewusst werden oder sein, wo heute die Schwächen in der Warmblutzucht liegen, sowohl im Exterieur wie auch dem Interieur und der allgemeinen Leistungsfähigkeit. Im Umkehr bedarf es auch einer Analyse, wo die heutigen Stärken liegen, gerade durch den vermehrten Einsatz von Edelblut nach dem 2. Weltkrieg und das europaweit. Sind die Voraussetzungen früher wie heute die gleichen? Mitnichten, das Arbeitspferd ist so gut wie verschwunden. Wir haben heute multifunktionale Sportpferde, die immer jünger zu immer größeren Leistungen gezwungen werden. Dem Bewegungsapparat mutet man zu, mit zum Teil schon monströs anmutenden Hebeln den letzten Zuschauer von der Bank zu reissen, und das im Alter von knapp 2,5 Jahren im Januar pünktlich zur Hengstschau. Um es mal krass auszudrücken: die Perversitäten im “Pferdesport” sind kaum noch zu überbieten, und so manch hoffnungsvoller Youngster bleibt auf der Strecke. Spricht man mit Sportreitern, die in erster Linie auf’s Pferd schauen und weniger auf’s Papier dahinter, wird man schnell feststellen, daß die Anforderungen an ein Pferd im Hochleistungssport oft ganz andere sind, als sie heute so marktschreierisch propagiert werden. Balance, Taktgefühl, reelle Grundgangarten mit Betonung auf Schritt und Galopp, und ein Drahtseilakt im Interieur zwischen Verlässlichkeit und innerer Ruhe bei gleichzeitiger Sensibilität für die Reiterhilfen sind gefragt, und zwar in jeder reitsportlichen Disziplin. Eigenschaften, die uns die moderne Pferdezucht suggeriert, genetisch in bestimmten Linien verankert zu haben. Wieso also sind es in der Weltspitze dann oftmals Pferde mit erstaunlich hohem “Blutanteil”, die dem Druck besser standhalten, länger laufen, und auf einmal das “Blutprodukt” gar nicht mehr so verteufelt ist, wie man hinlänglich auf Fohlenbrennterminen landauf und landab vorgegaukelt bekommt?
Warum also ist Edelblut heute wieder so ein Muss ? WAS ist ein Vollblut und welche Kriterien muss ein solches mitbringen, um die eventuellen Schwächen in der WB-Zucht zu kompensieren. Jeder kennt das Dogma von Gustav Rau: "Keine Warmblutzucht kann auf Dauer ohne Zufuhr von Vollblut auskommen" Das war 1937! Gilt es heute auch noch? Und wenn ja, warum? Welcher “Typ” Vollblut ist gefragt? Fragen, denen wir uns hier einmal stellen wollen und ohne Anspruch auf Richtigkeit, jedoch für uns schlüssig, zu beantworten. Denn eins ist klar: Fontana di Trevi xx wurde nicht angeschafft , weil wir Gustav Rau und dem Grafen Lehndorff einfach mal blind vertrauen, sondern weil wir uns durchaus lange mit der Frage nach “Zuchtfortschritt” und Modernität im Reitsport befasst haben.
Allein wenn wir jetzt mal eine Begriffsdefinition vornehmen und das "Thoroughbred" als Ausgangsbasis anführen, so sind alleine in dieser Zucht verschiedene Typen anzutreffen. Ein englisches Sprichwort besagt :"They run in all shapes". Was nichts anderes heißt, als dass Vollblutpferde unterschiedlichen Exterieurs in Rennen laufen (und auch gewinnen). Ähnlich wie man im Sport durcfhaus postulieren darf, daß Pferde sehr unterschiedlichen Exterieurs durchaus in der Lage sind, den “Job zu machen”, und das erfolgreich. Muss ein gutes Springpferd notgedrungen mit Holsteiner Bascule springen? Wohl kaum. Im Sport entscheidet eben die Funktionalität über das vom Menschen stilisierte “Idealbild”.
Wenn wir dann heute auch noch das letzte Bischen an “Leistungsaussage” bei Vollblütern, das Generalausgleichsgewicht (GAG) von vornehereinn verteufeln, welchen Typ Vollblüter wollen wir denn dann? Und wie selektieren?
Wie erkenne ich einen guten "Veredler" und damit auch guten Vererber? Nach aussortierten Verlierern auf der Rennbahn suchen und hoffen, es ist ein neuer Ladykiller xx? Dem gegenüber stehen aber auch absolute Galopperlegenden, die in der Warmblutzucht komplett überzeugen konnten, denen ihr GAG nicht im Weg stand, und die sich vielleicht sogar auch mal über Hindernisse auf der Bahn bewiesen haben….
Kommen wir also zum ersten Kapitel unserer Überlegungen:
Typenvielfalt
Da ist einmal der großlinige, langbeinigere Typ, der in den klassischen Langstreckenrennen läuft. Dieser "Steher" verkörpert in seinem Exterieur das Ideal eines Reitpferdes. Er steht über viel Boden, und um mal den großen Hippologen Jasper Nissen zu Wort kommen zu lassen: “der Steher kommt ohne ausladene Muskulatur aus, ist edel mit trockener Textur. Im Rechteck stehend. Die optimale Hebelung macht eine extreme Bemuskeluung unnötig, wodurch der Eindruck größter Harmonie entsteht. Der Kopf ist klein, bis mittelgroß, mit großen lebhaften Augen und weiten Nüstern. Der Hals ist lang, gut angesetzt und getragen, oft schön geschwungen, mit leichtem Genick. Die ideale Schulterformierung mit dem hohen, weit in den Rücken verlaufenden Widerrist bietet eine vorbildliche Sattellage. Der tragfähige, elastische Rücken weist eine kräftige Bemuskelung auf und geht über ene oft geradezu ideal geformte Lendenpartie in die lange, geneigte, gut bemuskelte Leistungskruppe über. Die langen Sitzbeinmuskeln sind erkennbar ausgeprägt. Der Körper wird getragen von vier wohlbemuskelten, außerodentlichen trockenen, gelegentlich etwas eng und vorn leicht zehenweit gestellten Gliedmaßen mit langer, elastischer Fesselung und runden, eher großen, leicht flachen Hufen.”
Dieser Typ Vollblüter wurde über lange Jahre in Europa, vor allem sehr erfolgreich um die Jahrhundertwende (19.-20. Jahrhundert) gezüchtet, und ihm kamen die damals interessanten längeren Distanzen sehr zu Gute. Dieser Sparte Blüter verdankt die deutsche Reitpferdezucht im Prinzip ihr Dasein, ob es nun ein Perfectionist xx in Trakehnen war, ein Alchimist xx in Graditz, oder ein Pik As xx in Celle. Ein Blick auf alte Fotos dieser Hengste zeigt Pferde, die heute unter allen Gesichtspunkten hochmodern wären, die klar im “Reitpferdetyp” stehen…..wobei hier schon der erste Denkfehler auftritt. Es sind mitnichten die Blüter, die unseren Reitpferden ähneln, es sind unsere Reitpferde, die dem Blütertyp angepasst wurden. Ein Alchimist xx wäre mit Sicherheit auch heute noch ein Exterieurkönig auf jeder Körung! Hengstdynastien über Teddy xx, Dark Ronald xx, Hyperion xx oder andere sind aus der deutschen Vollblutzucht nicht wegzudenken, und im Umkehrschluß demnach auch nicht aus den Pedigrees unserer heutigen Reitpferde. Namen, über die man beim Studieren alter Stutenstämme mit Geltung bis heute immer wieder stolpert, oft auch mehrfach, sind etwa Neckar xx, Birkhahn xx, Oleander xx, Ticino xx oder Bürgermeister xx, und da macht es keinen Unterschied ob man bei der Schwarzgold-Familie, bei Waldrun xx oder den Königskindern schaut…die Dominanz dieser “Reitpferde”Vollblüter zieht sich wie ein roter Faden durch die Zuchtlandschaft, und hat schlicht entscheidenden Einfluß auf die Weltgeltung der deutschen Warmblutzuchten gehabt.
Diesen Klassikern steht der moderne Vollbluttyp gegenüber, der sich vor allem aus der Umgestaltung des Rennsports und den Anforderung herauskristallisiert hat. Ähnlich wie es auch in den Reitpferdezucht nur noch um “früher, schneller, höher, mehr Geld” geht, ist der Rennsport im Prinzip zu einer Art Sprintveranstaltung verkommen. Langstreckenrennen sind rar, Hindernisrennen gar vom Aussterben bedroht (und da sind die echten Helden für die Warmblutzuchten zu finden!). Moderne Rennpferde bestehen in erster Linie aus überproportional ausladenden Beckenformationen mit entsprechender Bemuskelung, haben extrem tief angestzte Hälse, steile Schultern, kurze, stämmige Gliemassen ohne Winkel und erinnern in ihrer Erscheinung mehr an Quarterhorses denn Blüter. Mit der Veränderung des Exterieurs geht auch eine Veränderung der Physiognomie und Muskelphysiologie einher, und nicht selten ist auch das Nervenkostüm sehr weit von dem entfernt, was man sich für seine Warmblutstute so wünscht. Im Prinzip hat man es mit einer vom Menschen pervertierten Form des ultimativen Fluchttieres zu tun…nicht unbedingt das non plus ultra für den nächsten Dressurstar!
Logischerweise geht mit der Typenvielfalt auch eine Vielfalt der Bewegungsdynamik und -mechanik einher. Der Schritt des klassischen Vollblüters ist lang, aus der Schulter heraus mit weitem Übertritt von hinten, mehrere Huflängen über die Spur des Vorderhufes heraus. Der Trab ist ebenfalls lang, meist flach, niemals aufwendig prahlend. der Galopp wirkt mühelos, leicht federnd elastisch mit gewaltigem Raumgriff. Das Vollblüter nicht galoppieren, sondern nur rennen, gehört in die Zucht der Sprinter und damit nicht in die klassische Verbesserung der WB-Zucht. Der Galopp des Sprinters ist dementsprechend kurz, jedoch rasant und rasch repetierend und kann direkt aus dem Stand entwickelt werden.
Als Vererber für den Leistungssport kommt für die Warmblutzucht noch ein erhebliches Bonbon oben drauf: das angestrebte klassische, ideale Vollblut zeichnet sich durch Härte, Ausdauer und Intelligenz, hohe Lern- und Leistungbereitschaft aus. Auch sein gelegentliches lebhaftes, eifriges Engagement sind für uns noch die Leckereien, die wir mögen, schätzen, suchen. Interieurwerte sind fast noch ein größeres “Muss”, wenn wir über Leistungszucht sprechen.
Leistungsprüfungen für Vollblüter?
Wie soll so eine Prüfung denn nun aussehen? Suchen wir also einen Vollblüter, der in einem Feld mit 60 Warmblütern in Adelheitsdorf den Rittigkeitsindex gewinnt und dann auch im Springen noch im ersten Drittel ist? Oder suchen wir vielleicht einen Vollblüter, der tatsächlich einer ist, sprich sich in seinem Metier, für das er “erschaffen” wurde, über lange Jahre bewiesen hat, und ohne Weichteilprobleme von der Bahn kam, vielleicht sogar auch noch ein paar mal die Distanzen gewechselt hat und am Ende vielleicht mal über Hindernisse lief? Für uns ist es klar Nr. 2! Wir suchen nicht die eierlegende Wollmilchsau, die bitteschön viel Hebel in der Bewegung hat, möglichst rund springt, dazu groß und langbeinig ist, und überhaupt möglichst so nah am Ideal unseres Warmbluts ist, daß man eigentlich auch gleich einen Warmbluthengst nehmen kann.
Und hier kommt auch das GAG wieder ins Spiel. Selbstverständlich läßt es uns ziemlich kalt, wenn ein Hengst in 2 Saisons auf der Bahn ein GAG von 120 kg zusammensprintet und dann auf Nimmerwiedersehen als Deckhengst ab 4jährig seine Tätigkeit findet. Leider ist das der Trend in der modernen Vollblutszene, Pferde kommen immer jünger von der Bahn und kommen so leider nicht mehr auf die einstmals aussagekräftigen “Leistungsjahre”. Aber dafür gibt es Papiere und Rennnachweise und eben auch das GAG.
Ein GAG alleine ist uninteressant, es wird interessant dadurch, für wie lange ein Hengst auf der Bahn gelaufen ist. Hatte er Weichteilverletzungen die gehäuft aufgetreten sind und Pausen erzwungen haben? Gewinnsummen sagen wirklich herzlich wenig, aber von einem VB erwarten wir für unsere Zucht die Vorzüge, für die diese Rasse gemacht wurde: Härte, Langlebigkeit, Gesundheit. Hengste, die 4 und mehr Jahre erfolgreich laufen, Langstreckenspezialisten sind oder gar Hindernisrennen erfolgreich absolviert haben, brauchen für uns keinen “Durchschwung” oder sonstwie WB-ähnliche Eigenschaften haben. Für uns sind sie interessant, weil sie dem Prototyp des VBs entsprechen, nicht weil sie möglichst aussehen wie ein Warmblüter…
Der ultimative Leistungstest ist dann natürlich der Einsatz eines eventuell im Rennsport geprüften Pferdes im Sport, und da fallen uns auch ein paar sehr prominente Beispiele ein, vor allem aus dem Ausland (Blüter sind z.B. nach wie vor in den USA sehr beliebt als Grand Prix Springpferde, auch nach Touch of Class xx und Joe Fargis), oder auch aus den früheren Jahren deutscher Dressurkunst (zugegeben, die Damen und Herren damals konnten auch noch reiten…): Pernod xx wäre da z.B. ein hervorragendes Beispiel, wo alles passt; Eigenleistung im Renn- und Dressursport, und das entsprechende Papier dahinter. Wenn heute ein Coconut Grove xx im Spitzensport springt, Hengste wie Elan xx oder Beg xx sprichwörtlich “Vielseitigkeit” unter dem Sattel zeigen, die sie selbst von 90% unserer Warmblüter abhebt (beide Springen und Dressur bis M/S), oder ein Cupric xx nicht nur beim Bundeschampionat des Deutschen Reitpferdes startet (!), sondern danach bis Klasse S siegreich im Dressursport läuft, dann muss sich die Züchterschaft samt Zuchtleitungen durchaus die Frage gefallen lassen, warum um Himmels willen solche Hengste nicht protegiert werden. Denn was haben wir denn zu verlieren?? Wenn der Jungstar der letzten Körung im folgenden Jahr 500 Stuten deckt hat doch auch kaum einer Bedenken! Und von 500 Stuten können die meisten Vollblüter Zeit ihres ganzen Lebens nur träumen!
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Ein Beispiel aus der Vergangenheit
Pernod xx unter Willi Schultheiss. Dieser überragende Vollblüter lief nicht nur erfolgreich im Rennsport sondern gehörte in den 50er Jahren zur Creme de la Creme des deutschen Dressursports. Über das berühmte Gestüt Vornholz des Baron von Nagel gelange der bewegungsstarke Hengst schlußendlich auch in die Zucht, wo er u.a. Muttervater des Grand Prix Hengstes Rio Negro (ebenfalls unter Willi Schultheiss) wurde.
Pernod xx stammte v. Marcellus xx aus der Perlenreihe xx v. Anakreon xx, aus der hocherfolgreiche Stutenfamilie der Postenkette xx. Dieser Familie sind auch die Spitzenhengste Pindar xx, Pik As xx und Perser xx zuzuordnen. Bildquelle: "Das Dressurpferd" v. Harry Boldt.
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Das Phänomen der Neuzeit: Lauries Crusador xx
Warum ist es heute Lauries Crusador xx als einzigem Blüter der Jetztzeit gelungen, eine eigene Hengstlinie begründen zu können (Dressursektor). Was hatte Laurie xx und hat noch heute, was andere Blüter nicht haben? Was ist sein Erfolg? Sicherlich nicht sein erstes Durchfallen beim Holsteiner Verband, welches erst nachträglich durch die Kampfansage von Mass J. Hell positiv geheilt wurde. Was macht ihn also zum vererbungssichersten Dressurvererber der Gegenwart? Seine Rennleistung, sein GAG, sein Exterieur? Oder war es doch nur der beste Nährboden der Kehdinger Stutengrundlage, auf die sprichwörtlich sein Samen fiel?
Laurie xx wirkt jetzt schon 16 Jahre in Landesbrück, wo er liebevoll von Fred Müller betreut wird. Wurde Dr. Bade damals nicht auch belächelt, als er Laurie xx anpachtete? Haben die Züchter wirklich den Star damals schon erkannt und gleich geliebt? Wo sind die Stuten die dann jetzt schon 15 Jahre sind und Laurie xx als direkten Vater haben? Warum sind die ersten Fohlen nicht erkannt worden und für billig Geld weggegangen? Die berüchtigte F1 Generation? Die eklatanten Exterieurmängel wie tiefe Halsung, langer Rücken, wenig Hinterhandaktivität? Sind diese Exterieurmängel wirklich nur mit der "Zeit geheilt worden" und hat Laurie xx nur über diese Zeit seine einmalige Beschälerqualität unter Beweis stellen können? Wenn wir es bejahen und den Drang nach frühreifen Pferden einmal beiseite legen, dann müsste sich das jederzeit wiederholen lassen. Also Vollblüter rankarren, Zeit geben und den ultimativen Veredler haben. Warum also tun wir uns so schwer mit der Neuerfindung des Rades? Der Nachfolger in Holstein für Ladykiller xx und Cottage Son xx fehlt, und wurde unter Umständen in Sacramento Song xx nicht erkannt. Der Nachfolger von Pasteur xx bei den Trakehnern läßt weiter auf sich warten, und was macht Hannover nach Lauries?
Kein Mut, keine Visionen? Mal davon abgesehen, daß sich Zeiten ändern, und sich der Markt (da ist es wieder, das Wort…) geändert hat…..hat er das wirklich? Oder wird uns das nur sehr erfolgreich suggeriert?
Wir glauben schlichtweg, die Nachfolger bleiben aus, weil es den meisten an Rüstzeug fehlt, einen Blüter, der in der WB-Zucht Bestand haben könnte, zu erkennen. Uns fehlen heute Hippologen mit dem Mut, unpopuläre Entscheidungen innerhalb eines Zuchtgebites mit Rückrat zu tragen und dann eben auch gegen den Wiederstand wichtiger Gruppen durchzuboxen. Und wir sehen uns da bitte nicht anders! Dies ist keine allgemeine Schelte für Verbandspräsidenten, denn mit deren Job wollen wir wahrlich nicht tauschen!
Wer hat Lauries xx also live unter dem Sattel gensehen? Wer kann ihn ohne Vergleiche mit den Warmblütern beurteilen, ohne die gleiche Messlatte anzulegen? Reicht es theoretisches Wissen heraus zu kramen und lapidar hinzuwerfen: Exterieurmängel wie Halsung nehmen wir in Kauf, Galopp auch (“bergauf geht nicht bei VB”), Trab ohne Schwung, Schritt ok….das bekommen wir raus gezüchtet. Aber wir erhalten nach Jahren Härte, Leistungswillen und trockene Textur, die es einem Sportpferd auch nach langer Turnierbelastung gestattet mal Montags ohne Tierarzt aus zu kommen. Ist es das was wir brauchen? Nur damit wir wieder ein Schlagwort erfüllen, "In Generationen denken" die aber zumindest dem "städtischen Züchter" zumindest nicht die Brieftasche füllt, sondern eher leert. Und warum sollten die alten Züchter nicht ihre Rente mit schnell lebigen Modehengsten aufbessern? Wie also hat Lauries xx das gemacht?
Er wurde ein Stutenmagnet, der viele Vorurteile wiederlegt hat. Er war nicht nur elegant mit tollem Ausdruck, trockener Textur, sondern er hatte das, was ein klassisches Steher-Vollblut mitbringen sollte: einen leichtfüssigen, raumgreifenden Trab gepaart mit einer imposanten Bergaufgaloppade. Und er traf in Kehdingen auf fruchbaren Boden in Form von rumpfigen Hannoveraner Stuten, die über Generationen vor allem eins abgesichert tragen: entsprechend “modernes”, aufwendiges Gangwerk mit viel Knie. Die Saat ging auf, und heute sind es ganz besonders die Anpaarungen “Lauries x Weltmeyer”, die fast schon blind zum Erfolg führen. Hier treffen sich die richtigen Anteile von Eleganz mit Motor, Leichtfüssigkeit mit Kaliber und Geist mit Gehorsamkeit.
Leider kann sich nicht jedes Zuchtbuch den “Luxus” von früher erlauben, in größerem Masse Vollblütern eine Chance zu geben und auszufiltern, wer am Ende den Durchbruch schafft. Die Zeiten von Trakehnen oder ähnlichen Gestüten sind vorbei. Aber es ware schon ein sehr gelungener Start, wenn das verbale Damoklesschwert von der “unbrauchbaren F1-Generation” aus den Gazetten und vom Stammtisch fernblieben, und mehr Züchter ermutigt würden, eben auch durch die Unterstützung ihrer Produkte auf Absatzveranstaltungen, zum Vollblüter zu gehen. Suggestion ist heute alles. Wenn uns schon allen vorgegaukelt wird, erst durch WDRSF ware die Revolution im Dressursport möglich gewesen, dann man uns ebenso einbläuen, daß die nächsten 25 Jahre den Blütern gehören…
Zuchtziel Deutsches Reitpferd
Beim Blick in die Definitionen zu Zuchtzielen aller deutschen Warbmblüter (mal von einigen kleinen Formulieren abgesehen) sind sich eigentlich alle einig:
Man wünscht sich Intelligenz und guten Charakter, Nervenstärke mit Sensibilität gepaart, Lernfähigkeit, Mut und Einsatzfreude, also letzendlich hohes Leistungsvermögen unabhängig vom Exterieur (was im Idealfall natürlich eine optimale Ausschöpfung der Leistungsfähigkeit unterstützt). Zum Rasse und Geschlechtstyp kann man lessen, daß der Typ des modernen, edlen und leistungsbereiten Sportpferdes in unterschiedlichem Kalibern vorkommt und Adel, große Linien, klare Konturen, trockene Textur, plastische Bemuskelungund deutlichen Geschlechtsausdruck in sich vereint. Überhaupt ist die Forderung nach “Trockenheit” (d.h. ohne viel Unterhautgewebe) allgegenwärtig. Im Prinzip lessen wir hier also gerade die Betriebsanleitung zur Züchtung eines Pferdes, welches im Prinzip sämtliche Eigenschaften des Vollblüters in sich vereint. Damit klärt sich schnell die Frage nach dem “Warum mit Blut züchten”? Wenn man es nicht tut, sitzen wir spätestens in ein paar Generationen wieder auf dem Traktorersatz der 50er Jahre…das Prinzip der “Rückkreuzung” kommt also vor allem was den langanhaltenden Veredlungsaspekt von Vollblütern angeht sehr zum tragend. Ergo darf man sich eben heute nicht zurücklehnen und sich freuen, daß uns die moderne Zucht so schicke Typen gebracht hat, sondern heute, vielleicht mehr als zuvor, müssen Verbände, Zuchtleiter und individuelle Züchter, denen es um mehr geht als die nächste Eliteauktion, dem Einsatz von Vollblut positiv gegenüber stehen, und zwar mit mehr als nur Lippenbekenntnissen.
Wir möchten abschließen noch einige hochinteressante Anmerkungen zu dem Thema aus “Pferdezucht” von Löwe/Hartwig (Verlag Ulmer, 1988) zitieren. Unsere Gedanken und Ideen in Ehren, so muss man doch ehrlichweise auch die Menschen zu Wort kommen lassen, die ohne Zweifel zu den großen Visionären der Pferdezucht gezählt haben.
An den Anfang gestellt sei hier ein Wort des ehemaligen preußischen Oberlandstallmeisters und genialen Hippologen Georg Graf Lehndorff (1925): „Die Vollblutzucht ist in viel geringerem Maße ein Produkt der Scholle als das Halbblut oder gar die kaltblütigen Schläge; es ist vielmehr ein universelles Kunstprodukt, eine äußeren Einflüssen gegenüber widerstandsfähige Rasse, welche sich nach allen Ländern verpflanzen und überall weiterzüchten lässt, ohne wesentlich zu degenerieren, solange sie nach denselben Prinzipien fortgezüchtet wird.“
Selektion in offenen Populationen (S. 305)
Ob durch Veredlungs-, Kombinations- oder Verdrängungskreuzung entstanden, sind alle unsere heutigen Rassen ursprünglich aus einem heterogenen Material hervorgegangen und entsprechend dem jeweiligen Zuchtziel mit Hilfe der Selektion gefiltert und typmäßig geprägt worden….
… Offene Populationen lassen grundsätzlich die Hereinnahme fremder Gene zu. Jedoch ist darunter keine wilde Kreuzungszucht zu verstehen, wo alles mit jedem wahllos gepaart werden kann. …
… Ganz egal, welchen Kreuzungsverfahren man sich bedient, in einer offenen Population besitzt mit die höchste Priorität die konsequent durchgeführte Selektion in den folgenden Generationen. Nur sie garantiert ein relativ schnelles Erreichen des gesteckten Zieles. Es ist eine bekannte Tatsache, dass bereits in der 1. Kreuzungsgeneration (F1-Generation) Vertreter in dem gewünschten Typ und auch sogar überragende Leistungspferde zu finden sind. Genetisch sind sie aber keineswegs gefestigt und es fehlt ihnen die nötige Konsolidierung des Anlagenkomplexes, so dass keine züchterische Sicherheit gegeben ist….
… Beabsichtigt man, die züchterische Verankerung eines Veredelungseffektes und plant man, mit den daraus hervorgegangenen Nachkommen weiterzuzüchten, dann empfiehlt sich eine sorgfältig abgewogene Rückpaarung mit geeigneten Rassevertretern und eine rücksichtslose Selektion über mehrere Generationen. Man hat es also mit einer auf längere Sicht eingestellte Züchtungsmethode zu tun. …
…Die Nachteile, die in den nachfolgenden Generationen bei richtiger Selektion und Anpaarung verhältnißmässig schnell wieder auszugleichen sind, müssen zunächst hingenommen werden, da es hier einzig darum geht, der betreffenden Rasse ganz bestimmte wertvolle Merkmalsanlagen wie Rittigkeit, Schönheit, Härte, Genügsamkeit, Trockenheit, Geschmeidigkeit usw. zufließen zu lassen. Das Endziel kann erst nach einigen Generationen züchterisch erreicht und genetisch ausreichend verankert sein. Das schließt nicht aus, dass in der ersten Generation schon hervorragende Leistungspferde anfallen, die aber trotzdem züchterischen Ansprüchen nach Modell und Typ noch keineswegs genügen können. Eine größere züchterische Sicherheit ist i.d.R. erst nach einigen Generationen zu erwarten. Man muss eben in der Züchtung Geduld haben…
Fotos: die Bilder dieser Seite stammen aus privaten Archiven und Quellen im Internet, sowie den Herren Eylers, Ernst, Rühl und Escher |
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