Europameisterschaften Dressur 2009


Die Europameisterschaften der Dressurreiter sind vorbei und egal wo man derzeit hinschaut, so scheinen sich alle sicher zu sein, dass hier Geschichte geschrieben wurde. Seien es die sich ständig überholenden Weltrekorde, die Übermacht der Holländer oder die erfreuliche Dominanz junger Reiter. Auffallend auch die relativ deutliche Bündelung von Vollblut und Trakehner Ahnen in den Abstammungen der Pferde. Dass Trakehner immer noch hart an sich arbeiten müssen um Pferde für den Spitzensport in Reihe zu stellen zweifelt keiner an. Dennoch waren diese Europameisterschaften auch Zeugnis für den immer größeren Stellewert der Trakehner Zucht in den großen Warmblutzuchten der Welt – und ein Blick in die Pedigrees der Teilnehmer offenbart, dass gerade die früher eingesetzten Hengste andere Zucht heute weit voran bringen, während die gleichen Hengste von den Trakehner Züchtern zu ihrer Hochzeit gerade mal mit einem müden Lächeln abgestraft wurden. Windsor hat gezeigt, wie dominant erfolgreich das Einkreuzen von Trakehner (und auch Vollblut) Leistungsgenen sein kann. Über 80% der Pferde bei den Europameisterschaften in diesem Jahr inkl. fast aller Medaillengewinner führen zum Teil erhebliche Trakehner Einflüsse.

Das große Highlight in Windsor war sicherlich der KWPN Hengst Moorland’s Totilas mit Edward Gal. Wie schon 1996 in Aachen, als Matine die Bühne betrat, ging auch bei Totilas des Öfteren ein Raunen durch die Menge ob seines schier grenzenlosen Bewegungspotenzials. Was hier Natur bzw. Training ist lassen wir mal dahingestellt. Ohne Zweifel hat die KWPN Zucht hier einen Athleten besonderen Ausmaßes produziert. Totilas stammt aus der Zucht der Familie Schuil in Friesland, die mit seiner Urgroßmutter Elsa eine blühende Familie schaffen konnten. Elsa selber ist eine voluminöse Zuchtstute älteren Schlages mit großer Kraft in der Hinterhand, was auch eindrucksvoll durch ihre Verwandten- und Nachkommenleistung dokumentiert wird. Vor ihrer Zuchtlaufbahn bei Schuils brachte sie mit Justien (v. Triton) schon eine bis Klasse S erfolgreiche Springstute, die später dem gekörten Guiminko (v. Guidam) das Leben schenke. Mit Nominko (v. Ezoliet) und Ominka (v. Lux) stehen zwei weitere Springsportler in direkter Verwandtschaft. Bei Schuils brachte Elsa mit E.H. Gribaldi als Partner die beiden S-Dressurpferde Talan und Uljanoff. 2009 führt Elsa nun ein Fohlen vom Trakehner Hirtentanz bei Fuss. Mit dem Familienhintergrund in beiden Sparten der Reiterei dürfte das ein sehr interessantes Nachwuchspferd werden.

Elsas Tochter Lominka, die Mutter von Totilas, stammt ab vom KWPN Hengst Glendale. Der Hengst konnte in Holland nicht alle überzeugen und landete sehr schnell auf der „Watch List“ des KWPN. Allerdings hatte er den genetischen Hintergrund, den Familie Schuil sich im Programm gewünscht hat. Seine Mutter war eine Tochter des Trakehners Marco Polo (v. Poet xx), der nicht nur in den Niederlanden einen ausgezeichneten Ruf als Sportpferdevererber hatte. Wo sein Name heute auftaucht, guckt man gerne zweimal hin. Marco Polo war z.B. der Großvater der Springlegende Milton, und taucht als dominanter Springpferdevererber immer wieder in den Pedigrees der holländischen Spitzenpferde auf. Der überragende Concorde z.B. ist ein Nachkomme des Trakehner Schimmels. Interessanterweise findet man in den Niederlanden oft die Kombination von Marco Polo mit dem Jahrhunderthengst Nimmerdor – und so auch bei Totilas. Marco Polo entstammte der Stutenfamilie O49A Mira II (Ehlert-Harpstedt), womit er sich den Stamm mit anderen Stempelhengsten teilt: Morgenglanz, Mozart, E.H. Michelangelo und der leider kürzlich abgetretene E.H. Monteverdi TSF kommen ebenfalls aus dieser Familie.

Die Mutter von Glendale, Silja, führt darüber hinaus auch noch Trakehner Blut über den Holsteiner Polaris (v. Polarfürst). Dieser Traventhaler Landbeschäler erfuhr in den 60er Jahren das gleich Schicksal wie andere Trakehner Beschäler in Diensten des Holsteiner Verbandes. Die Trakehner wurden abgeschafft – und gingen größtenteils nach Holland. Hier wiederum hatte man noch nie Berührungsängste mit den Pferden aus Ostpreussen und so konnte auch Polaris nachhaltig in der KWPN Zucht wirken. Zusätzlich erscheint dann im fallenden Mutterstamm über Elsa noch der wichtige Amor, ein Sohn des Trakehners Heristal (v. Hyperion). Dass also Lominka wiederum mit Trakehner Blut angepaart werden sollte lieg vor allem an dem guten Anschluss an diese Leistungsblut.

Lominka hat bei Schuils nur Fohlen von Trakehner Hengsten gebracht. Ihr erstes Fohlen war von Balzflug, ihr E.H. Partout Sohn Ramon ist ein erfolgreiches Dressurpferd in der kleinen Tour, und es gibt die Totilas-Vollgeschwister Uusminka und Bussard, alle von E.H. Gribaldi. Uusminka, eine kapitale braune Stute, befindet sich bereits im Training bei Edward Gal, und Bussard, ein 3jähriger Rapphengst, wurde dieses Jahr angeritten. Auch 2010 erwartet Lominka wieder ein Fohlen von E.H. Gribaldi.

Ebenfalls in der holländischen Mannschaft und mit Einzel Gold und Silber dekoriert ist der gangstarke Fuchs Parzival, der wiederum das Blut von Amor und dem Trakehner Cyklon in seinem Pedigree vereint. Mistral Hojris, ein in Dänemark gezogener Wallach, der unter der jungen Britin Laura Bechtholtsheimer tolle Runden zeigte, ist ein Enkel des E.H. Michelangelo und führt über seinen schwedischer Mutterstamm nochmal reichlich Trakehner Blut. Mit Humanist, Heinfried und Unikum sind hier gleich drei der großen Stempelhengste der schwedischen Zucht vertreten – allesamt Trakehner! Die ebenfalls mit viel Aufmerksamkeit bedachten Augustin und Sterntaler Unicef sind über Traumdeuter/Trak, den Hannoveraner Manstein (Enkel des Hessenstein) und Abglanz ebenfalls geprägt durch Trakehner Blut. Die Liste lässt sich noch deutlich erweitern. Fazit? Die legendären Veredler in Hannover, die nach dem 2. Weltkrieg im Umzüchtungsprozess eine große Rolle gespielt haben, sind auch heute noch die Fundamente etlicher Sportgrößen: Abglanz und Semper Idem tauchen aber dafür eher nur zurückhaltend in reinen Trakehnere Pedigrees auf. Die Hengstlinie des Pasteur xx steht nach wie vor weit oben auf der Liste erfolgreicher Sportlinien – sowohl Totilas als auch Mistral Hojris sind Nachkommen über die beiden Pasteur xx Söhne Mahagoni und E.H. Michelangelo. Und Warmblutzuchten, die sich wenig um Vorurteile scheren, dafür aber einsetzen was für sie funktioniert, haben nun die Nase vorne. Holland kann hier durchaus als Modell dienen, denn holländische Züchter haben guten Vollblütern und guten Trakehnern immer entsprechend Aufmerksamkeit geschenkt. Auch wenn sie auch heute das gleiche „Dilemma“ erfahren wie andere Zuchtgebiete, nämlich den spärlichen Einsatz guter Vollbluthengste (das schließt Araber mit ein!), so hat man doch oft den Eindruck, dass der Trakehner als Quelle von Edelblut ohne Voreingenommenheit akzeptiert wird. Das ist ein gutes Zeichen für uns als Trakehner Züchter – aber genauso ein Appell, der Sporttauglichkeit unserer Pferde absoluten Vorrang zu gewähren.

 

 
image